Ein Wochenende in Temuco

Zu den Vorteilen, die ein Austauschstudent genießt zählt nicht nur die Bekanntschaft mit anderen Austauschis, sondern auch die Bespaßung die die ansässige Bevölkerung für einen bereithält. Auf gut Deutsch: es gibt eigene Kurse bezüglich Kultur und Bräuche, die eigens für die Austauschstudenten angeboten werden. Zu solch einem hab ich mich kürzlich angemeldet (hauptsächlich, weil ein Ausflug zu einer Mapuche – Community geplant war und dieser mit einheimischer Küche in Verbindung stehen sollte).

Der Kurs erstreckte sich eigentlich über drei Tage, der erste mit einer kurzen Einführung in die Kultur der Mapuche, der zweite über die chilenische Sprache und der dritte mit der besagten Führung. Gut, am zweiten Tag hatte ich leider keine Zeit, aber dafür konnte ich die chilenische Sprache samt „Modismen“, also eigenen Wortkreationen (wie bei uns Paradeiser statt Tomate etc.) ja selbst jeden Tag mit eigenen Ohren hören. Am Tag der Führung traf ich also bei meiner Uni ein – praktisch! – und war mit ein paar deutschen – natürlich! – als erster da. Kein Problem, Regen stärkt schließlich die Gesundheit und so schlimm wie bei uns ist der Regen auch lange nicht – mehr so eine Art fallender Nebel.

Der Worte waren bald genug gewechselt, und wir brachen endlich zu der Mapuche-Community auf. Der Busfahrer verfuhr sich zwar einmal, aber dafür wurden wir den letzten Teil des Weges von einigen Einheimischen geführt – nett. Die Landschaft sieht übrigens gerade in der Region fast aus wie zuhause in Österreich am Land.

Nun wohlbehalten angekommen, wurden wir in ein Haus im Stil einer „Ruka„, also der traditionellen einheimischen Behausung geleitet und der örtliche „Erzähler“ redete mit uns über die Kultur, Kosmologie, Geschichte und momentane Situation der Mapuche in Chile. An der Wand hing eine typische Trommel, die offenbar sehr alt und in der Region offenbar berühmt ist – sehr unscheinbar.

Was ich unter anderem mitgenommen habe, ist, dass die Mapuche zeitweise kulturell ziemlich unterdrückt wurden (Verbote in der Schule die Sprache zu sprechen etc.), und dass nicht nur das Blut sondern auch die Tradition einen zum Mapuche macht. Die Ruka war übrigens gerade im Aufbau, also mehr ein modernes Wohnhaus im Stil einer traditionellen Behausung. Danach gab es lecker selbstgemachtes Essen mit lokalen Zutaten – Sopaipillas mit Getreide, Aji-Pebre soße mit Quinoa, Joghurtsauce, Honig, Haferkekse, Getreidekaffee, Quinoa – Marmeladennachtisch und selbstgemachte Getränke auf Quinoa – und Kräuterbasis – seehr lecker 🙂 (und komplett vegetarisch).

Draußen wurden wurden wir aufs herzlichste von den Mapuche verabschiedet, direkt bei der traditionellen Gebetsstelle beim den ihnen heiligen Zimtbaum.

Danach sollte es noch zu einem Wasserfall in der Nähe gehen. Dafür, dass die gesamte Landschaft sehr flach war, gibt es überraschend viele Wasserfälle, die offenbar einfach in ein Loch in der Landschaft fallen.

Danach war ich noch bei einem Kollegen eingeladen, auf eine kleine Grillerei. Derweil galt es aber noch etwas Zeit totzuschlagen: also auf auf einen Kaffee zu Omas Brot (das Kaffeehaus / Geschäft, nicht das Gebäck). Zu sehen: das berühmte Bier mit Zitrone und Salz, im Tequilastil.

Am Sonntag war dann etwas Ruhe angesagt: ein Perfekter Tag, um das örtliche Zug/Dichtermuseum zu besuchen! Hintergrund: es gibt offenbar ein Zugmuseum und der Vater des hier geborenen Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda war Eisenbahner, also haben sie das aus irgendwelchen Gründen kombiniert.

Außerdem gibt es nicht nur Züge und Gedichte mit Zugbezug zu bestaunen, sondern auch Gemälde, bei denen die Künstler wohl an das eine oder andere davon gedacht haben. Nicht, dass man das unbedingt merkt, aber der Gedanke zählt.

Die Züge konnte man übrigens besichtigen: Darin wurde auch ein kleines schwer verständliches Video über Pablo Neruda gespielt. Genuss in leeren Zügen (ha ha). Unter anderem konnte man hierbei auch die Präsidentensuite besichtigen, die aus Pietätsgründen von der Suite der first Lady getrennt war .. allerdings mit „Geheimtür“ zwischen den beiden. Tja. Außerdem: ein Auto, dass auf Schienen fahren kann und zusätzlich für die Straße umgerüstet werden kann.

Ausklang für den Abend war dann ein kleines klassisches Konzert: ein Bekannter hatte noch Karten übrig für das „Orquestra Sinfónica Juvenil“, oder auf gut deutsch Jugendsynphonieorchester. Gespielt wurde vieles, von chilenischen Komponisten bis hin zu Wagner, Tschaikovski und anderen Klassikern. Ein Funken Europa in Chile also. Ich habe fast etwas an Wien denken müssen. Beendet wurde das ganze  – wie auch sonst- mit einer Cueca. Das Theater wo das ganze stattfand ist übrigens sehr hübsch, mit Gemälden und Skulpturen im Foyer verstreut – das ganze ist auch erst 20 Jahre alt, was sich mit etwas lauten Heizkörpern direkt neben uns bemerkbar machte. Naja.

Auch an verregneten Tagen gibt es also in Temuco was zu tun – überraschenderweise.

Museo de Arte Precolombino

Nun also im Präkolumbianischen Museum angekommen, verstauten wir unsere Sachen und kauften zwei Tickets. Sofort danach fiel uns natürlich auf, dass wir technisch gesehen für den Schulklassenrabatt in Frage kämen: (1 Student, 1 Professor), das ignorierten wir dann aber.

Im Museum gibt es (wie der Name vermuten lässt) Exponate aus Zentral- und Südamerika, über fast alle Epochen der derzeit bekannten bzw. ausgegrabenen Kulturen und Völker. Fun fact: Tenoctitlan, die ehemalige in einem See gelegene Hauptstadt des Atztekenreiches liegt heute in Mexico City (aber ohne See).

Interessant für mich war unter anderem auch, dass die Azteken, die man ja eher als „alte“ Kultur einschätzt eine relativ junge Hochkultur waren (so ist z.B. die Universität Oxford älter als das Reich der Azteken). Außerdem erkennbar: die Inkas hatten im Laufe ihres Bestehens große Teile Südamerikas erobert (daher im englischen auch: Incan empire). In den meisten archäologischen Museen und Führungen (zB Atacama) gibt es deswegen auch immer die Einteilung in vor und nach den Inkaeroberungen (natürlich nicht in Südchile, wo die Mapuche wieder mal alle Eindringlinge (inklusive den Spaniern) bis ins 19. Jahrhundert erfolgreich abwehrten.)

Leider habe ich wieder mal den Fehler gemacht, keinen Audioguide mitzunehmen (wir hatten nur wenig Zeit) und kann daher nicht so viel über die Hintergrundgeschichten weitergeben wie ich eigentlich gerne würde. Interessant war aber auch, dass es in Südamerika eine Kultur namens „Chinchorro“ gab, von der wir eigentlich nur wissen, weil sie eine sehr ausgefinkelte Mumifizierungstechnik hatten. Die Mumien sind auf bis zu 5000 v. chr datiert, und damit meines Wissens nach die ältesten Fundstücke in Südamerika.

Außerdem im Museum: eine Ausstellungen zu den Mapuche, inklusive traditioneller Trommel (die heute so etwas wie ein „Wahrzeichen“ der Mapuche- Kultur ist, vergleiche auch das Logo der Ufro). Die Knotenschnur im Bild ist eine faszinierende Methode der Buchhaltung und wahrscheinlich auch Schrift, die von den Inkas verwendet wurde und bis heute nicht entziffert ist: Quipu. Am Ende machten wir dann noch einen Abstecher in die interaktive Kinderecke wo man spielerisch die typischen Gewächse, Sprachen und Länder Südamerikas betrachten konnte. Es gab auch ein Geruchsrätsel :). Wusstet ihr, dass zum Beispiel so alltägliche Gewächse wie Kürbis, Tomate, Mais, Erdbeere und Kartoffel vor dem kolumbianischen Austausch nicht in Europa heimisch waren? Derart informiert ging es dann in Richtung Flughafen, alledings nicht ohne aber vorher einen kleinen Abstecher durch die Stadt zum Präsidentenpalast zu machen:

Dieser wurde im Putsch von 1973 vom Militär angegriffen – sieht man aber heute nichts mehr davon. Übrigens: die Metro-Karte in Santiago heißt „Bip!“ – nach dem Geräusch, dass sie macht wenn man damit zahlt. Außerdem interessant: die Fußgängerampel in Santiago ist animiert, das heißt der kleine grüne Mann powerwalkt erst sehr selbstbewusst in der Ampel, nur um sich, wenn die Zeit knapper wird immer mehr anzustrengen: Video , für dies interessiert.

Am Flughafen hatte Patricio (mein Prof)  glücklicherweise Mitgliedschaft in der richtigen Kreditkarte, die mit der VIP-Lounge verkuppelt war. Dort verbrachten wir bei Gratisbuffet (Sushi, Obstsalat, Brote, Gebäck…) und Gratisgetränken (so ziemlich Alles) die letzte Zeit bis zum gestaffelten Rückflug nach Temuco (ich hatte einen anderen Flug gebucht bekommen als er). Dort ging es nach einem langen Tag ab ins Bett.